Frühblüher
Vom Frühlingserwachen

Foto: BfN, blühende Buschwindröschen
Frühling, Sommer, Herbst und Winter: Hier bei uns in den sog. „Gemäßigten Breiten“ (d. h. nicht zu heiß, nicht zu kalt) gibt es diese ausgeprägte viergliedrige Jahresunterteilung, wobei Frühling und Herbst Übergangsformen darstellen zwischen den Extremen „kürzester“ und „längster Tag“ des Jahres, (das bedeutet kürzeste und längste Sonnenscheindauer) jeweils am 21. Dezember und am 21. Juni. Nach den langen Winternächten und den kurzen, dämmrigen Wintertagen findet im März der von Millionen Menschen lang ersehnte erste Jahreszeitenwechsel statt: der astronomische (kalendarische) Frühling ereignet sich jeweils am 20. 03. zum Zeitpunkt des „Äquinoktiums“, der sog. Tagundnachtgleiche. Es gibt außerdem noch den „Phänologischen Frühlingsbeginn“ (Phänologisch = nach dem Erscheinungsbild), indem man den Zeitpunkt der ersten Apfelblüte beobachtet und erfasst. Mit der Apfelblüte tritt der Vorfrühling in ein neues Stadium: Die Botaniker (Pflanzenkundige) und Meteorologen (Wetterforscher) ziehen hier die Grenze zum „Vollfrühling“. Das ist dann die Zeit, wo die Nachtfrostgefahr weitgehend gebannt ist. Anhand der regionalen Meldungen über den Blühbeginn können Meteorologen recht exakt den klimatischen Verlauf über Deutschland hinweg verfolgen. Der phänologische Kalender interessiert vor allem die Bauern, weil sie hiernach den günstigsten Zeitpunkt der Aussaat und Ernte berechnen. Denn die klimatischen Bedingungen über ganz Deutschland hinweg betrachtet sind alles andere als einheitlich. So spielen unterschiedliche großflächige Klimafaktoren eine Rolle; etwa im nordwestlichen Bereich Deutschlands ein feuchtmildes, golfstrombeeinflusstes Atlantikklima, während der Osten (Brandenburg, Sachsen) bereits spürbar unter trockenem, kontinentalklimatischem Einfluß steht. Außerdem spielt die absolute Höhe über dem Meeresspiegel bei der örtlichen Temperaturentwicklung eine entscheidende Rolle und hat damit Einfluß auf den örtlichen, phänologischen Frühlingsbeginn. Denn wir wissen ja: Je höher es hinauf geht, desto kälter wird es. So gibt es Gegenden in den Alpen, wo die Schneedecke so lange liegen bleibt, dass der phänologische Frühlingsbeginn erst im Juni stattfindet!
Die Frühblüher kommen nun ans Tageslicht

(cc-by-sa Jean-Marc ROSIER@de.wikipedia) Silberlackkrokus (Crocus versicolor) in den Alpen
Schon vor diesem Datum werden die Tage spürbar länger, und die Sonnenstrahlen sind nun bereits recht kräftig. Jetzt heißt es für die meisten Pflanzen „Aufwachen“, der Wettlauf um die sonnigsten Plätze duldet keine Langschläfer. Besonders bekommen das die kleinsten unter ihnen, die niemals verholzen und keine Äste und Zweige entwickeln, zu spüren: Das sind die Pflanzen der „Krautschicht“; jener Wachstumsetage von 0 bis 50 cm ab Bodengrund. Die darüber befindliche, mit holzigen Ästen versehene „Strauchschicht“ wächst bereits in ungeahnte Höhen bis zu 6 Metern und kann mit ihrem Blattwerk den darunterliegenden Boden mit den Kräutern vom Sonnenlicht abschirmen. Das gilt besonders dann, wenn über der Strauchschicht sich noch eine weitere Schicht befindet: eine „Baumschicht“. Das Blätterdach dieser Schicht kann sich bis zu 30 Meter über den Boden erheben und bei geschlossener Wuchsformation - im Wald - für ziemlich dämmrige Zustände am Boden sorgen. Schlechte Zeiten für die Winzlinge am Waldboden oder im Gebüsch, die doch alle die Sonnenenergie für die Photosynthese benötigen!
Jetzt kommt der Trick der Frühblüher (Geophyten)! Bis der Leben spendende Saft in Bäumen und Sträuchern langsam emporgestiegen ist, vergeht nämlich einige Zeit. So lange bleiben die Bäume und Sträucher noch kahl.
Wer zuerst kommt, fruchtet zuerst

(natdet, HU) Schneeglöckchen, Zwiebelgeophyt

(natdet, HU) Scharbockskraut, Knötchengeophyt
Fast könnte man ihnen beim Wachsen zugucken, so schnell kommen die Frühblüher (Geophyten) nun aus der Erde. Um so schnell wachsen zu können, bedarf es einer besonderen Anpassung: Die kleinen Geophyten beziehen ihre enorme Anschubkraft aus den gespeicherten Reserven des Vorjahres, die sie unterirdisch in Zwiebeln, Wurzelknötchen und Kriechwurzeln (Rhizome) gespeichert haben. Damit treten sie als Erste im Jahr - von keinerlei Blätterwerk der Großen gehindert - ins volle Sonnenlicht. Manchmal liegt sogar noch etwas Schnee. Geophyten bilden keinen großen Blatt- und Stengelapparat aus, sondern konzentrieren sich voll auf die - meist sehr attraktiven - Blüten: Die ersten Bienen nehmen diese dargereichten Kelche gerne an, denn das Blütenangebot ist kurz nach dem Winter keineswegs üppig. So schnell wie möglich blühen, heißt die Devise, und dann, wenn das Blätterwerk der Großen sich langsam zu bilden beginnt, sind die Frühblüher schon in der Fruchtphase, d. h. sie entwickeln bereits Samen. In der Jahresmitte welken sie dann und die Pflanzen verdorren. Im Hochsommer, wenn wir uns in die Badeanstalten begeben und den Sommer in vollen Zügen genießen, ist von unseren Frühlingsboten - unseren Geophyten - schon nichts mehr zu sehen.
Aber das ist eine andere Geschichte!





