Jahreszeiten
Die hohe Kunst der Jahreszeitenmessung

Abb. 1: (Foto: HU, natdet) Dörflicher Ausschnitt mit blühenden Ziergehölzen des Frühlings, z. B. Forsythie und Blutpflaume

Abb. 2: (Foto: HU, natdet) Blühender Magnolienbaum in einem Park
Nun ist er also endlich da: Gegenwärtig herrscht in weiten Regionen Deutschlands der „Erstfrühling“. Die Geophyten (Frühblüher) des „Vorfrühlings“ hatten wir uns ja schon näher angeschaut. Und auch der „Vollfrühling“ beginnt jetzt in den ersten, südlichen Regionen. Diese Begriffe stammen aus dem sog. „Phänologischen Jahreskalender“ (phänologisch = nach dem Erscheinungsbild). Je nach Höhenlage und Region in Deutschland starten nämlich die verschiedenen Jahreszeiten sehr unterschiedlich und normalerweise beginnend im äußersten Südwestzipfel Deutschlands, im baden-württembergischen Freiburg - Oberrheinische Tiefebene - Kaiserstuhl.
Der Vollfrühling ist durch den Blühbeginn des Kulturapfels gekennzeichnet. Die Apfelblüte ist deshalb bedeutsam, weil es weit in die Vergangenheit zurückreichende, schriftlich überlieferte Beobachtungen gibt, aus denen Rückschlüsse über die Entwicklung des Klimas im 2. Jahrtausend gezogen werden können. Diese Aufzeichnungen sind heute von unschätzbarem Wert für die Bearbeitung von Klimamodellen, auch hinsichtlich der gegenwärtigen Erderwärmung.
Der Vollfrühling startet meist Ende Februar im Südwesten Portugals und erreicht ca. 90 Tage (ca. 3 Monate) später das etwa 3.600 km entfernte Finnland. Er zieht in Europa also mit ca. 40 km pro Tag nordwärts.
Warum wir Menschen Jahreskalender nutzen

Abb.3: (Foto: HU, natdet) Im Frühjahr ein beliebter und typischer Anblick, Schlehensträucher in Hecken und an Waldrändern

Abb. 4: (Foto: HU, natdet) Blüte des Schlehdorns (Prunus spinosa) im Detail
Je nach Zweck und Herkunft verwendet der Mensch unterschiedliche Einteilungsschemata, um den stets wiederkehrenden Jahresgang zu beschreiben. Diese Einteilungen richteten sich stets nach den regelmäßig wiederkehrenden Erscheinungen von Naturphänomen, wie etwa das Eintreffen des Nilhochwassers, und darüber hinaus die Erkenntnisse der Himmelsbeobachtung (Astronomie), insbesondere die Beobachtung der Mondphasen, mit der sich eine Art Feinplanung über das Jahr hinweg bewerkstelligen ließ. Aber auch Sterne, wie das erste Auftreten des Sirius am Horizont waren bedeutsame Himmelsereignisse, die sich in Kalenderdaten niederschlugen.
Der „Ägyptische Kalender“ z. B. war mit dem Neujahrstag an die Nilüberschwemmungen gebunden. Das neue Jahr der Zeitrechnung begann für die Ägypter stets zum Zeitpunkt der Sommersonnenwende am 19. Juni. Bekannt ist auch der „Julianische Kalender“, den die römische Mittelmeer-Großmacht ein Jahrhundert v. Chr. (vor Christi Geburt) nutzte. Aber auch er hatte Ungenauigkeiten, wie die fehlerhafte Berücksichtigung von Schaltjahren. Seit dem ersten päpstlichen Konzil in Nicäa hatte der julianische Kalender eine Abweichung von zehn Tagen gegenüber den astronomischen Daten aufgehäuft. Der „Gregorianische Kalender“ löste 1582 n. Chr. (nach Christi Geburt) mit einer Berichtigung der fehlerhaften zehn Tage den julianischen Kalender ab. Alle Kalender waren eine Mischung aus der herrschenden Religionsdoktrin (religiöse Lehrmeinung), sowie dem jeweiligen Stand der astronomischen Beobachtung und dem Wissensstand der Zeit entsprechend.
Je nachdem, ob sich ein Herrscher mit anderen Heeresführern zu einem koordinierten Angriff verabreden wollte oder die Landwirte den richtigen Moment für die Aussaat eines bestimmten Getreides ermitteln wollen, oder ob wir gar ein kirchliches Fest - wie etwa Weihnachten und Ostern - vorbereiten möchten: Für mannigfaltige Aufgaben waren allgemeingültige Kalender erforderlich. Und sie sind auch heute noch erforderlicher, denn je: Je vernetzter und intensiver eine Gesellschaft zusammenarbeitete, desto dringlicher wurden und werden präzise Planungs- und Datierungsgrundlagen.
Der astronomische und der meteorologische Kalender

Abb. 5: (Konrad Lackerbeck@wikipedia.de) Nun werden die Wälder wieder bunt. Wildkirsche oder Vogelkirsche (Prunus avium)

Abb. 6: (Foto: HU, natdet) Detailaufnahme eines Vogelkirschen- blütenzweigs
Der astronomische Kalender mit seinen Mondphasen, aus denen unsere Monatseinteilung hervorging, berücksichtigt die Gestirne sehr präzise nach wissenschaftlichen Erkenntnissen. Insbesondere ist hier der präzise Abgleich des starren Kalenders mit dem Umlauf der Erde um das Zentralgestirn von Bedeutung. Dadurch kommt es alle vier Jahre zu einem Extratag, einem "Schalttag" (29. Februar). Auch einen meteorologischen Kalender mit seiner weitgehend klimatischen Einteilung in Frühling, Sommer, Herbst und Winter, sowie beständig wiederkehrenden Witterungseinflüssen (z. B. Eisheilige, kalte Sophie u. dgl.) gibt es. Seit mehr als 100 Jahren werden flächendeckend mehrfach täglich Daten überall in Deutschland zur Lufttemperatur, zur Sonnenscheindauer, der Luftfeuchtigkeit, der Niederschlagsmenge gemessen.
Der Phänologische Kalender

Abb. 7: (cc-by-sa Opiola Jerzy@wikipedia.de) Zweig des Kulturapfels mit Blüten
Der phänologische Jahreskalender ist eine einheitliche und verallgemeinerbare Zustandsbeschreibung des Vegetationsverlaufs nicht nur für Deutschland, sondern überall auf dem eurasischen Superkontinent und entsprechend in den anderen Regionen der Welt. Die klimatischen und die Höhenunterschiede in den verschiedenen Regionen Deutschlands bringen es mit sich, dass mehrere phänologische Zustände zeitgleich vorkommen: Wenn in Freiburg schon die Apfelblüte beginnt, herrscht in den Gipfellagen der Alpen noch tiefster Winter, und im rauen Klima der Küsten ist zur selben Zeit Erstfrühling. Der phänologische Kalender ist nicht nur interessant für die Vegetationskundler und Ökologen; er interessiert besonders die Bauern für Aussaat und Ernte. Zur Bestimmung dieser klimatischen Wanderung bedient man sich standorttypischer „Zeigerpflanzen“, also Pflanzen, die für eine Zustandsbestimmung besonders geeignet sind, wie Schneeglöckchen, Schlehe, Buschwindröschen usw. Wie wir nun wissen, gehören auch Kulturarten wie Apfel und Birne dazu.





