Räuberische Pflanzen
Das räuberische Geheimleben der Pflanzen

(cc-by-sa,Noah Elhardt @wikipedia.de) Schlauchpflanzen können groß wachsen und sehr attraktiv sein. Die Schlauchpflanze (Sarracenia oreophilia) ist eine Reusenfalle. Sie sind in Deutschland gelegentlich an verschiedenen Stellen ausgewildert zu finden.

(cc-by-sa,Ebyabe @wikipedia.de) Die Kannenpflanzen leben im Regenwald in Baumkronen. Der Vorteil ist: Dort oben sind die Lichtverhältnisse sehr viel besser, als am Boden. Nachteil: Die Versorgung mit Nähstoffen ist schwierig.
Raubpflanzen - gibt es die wirklich?
Wir haben bereits viel über die Fleischfresser unter den Tieren berichtet. Raubtiere, logo, die kennt irgendwie jeder. Aber gibt es denn wirklich auch sogar Pflanzen, die einen Angriff (eine Prädation) auf Leib oder Leben noch lebender Tiere vornehmen? Ja, das kann man so sagen, auch wenn man zögern möchte, Pflanzen in Bezug auf Tiere "Prädatoren" (Beutegreifer, die Teile von Tieren oder sie gänzlich verspeisen) zu nennen. Einige Forscher gehen so weit, diesen Gedanken zu akzeptieren. Jedenfalls gibt es Pflanzen, die aktiv Beute machen, jedoch nur unter Insekten und anderen Gliederfüßlern. Einige Arten von ihnen kommen sogar in Deutschland vor und die sollen hier einmal vorgestellt werden.
Fleischfressende Pflanzen (Carnivourus Plants)

(cc-by-sa, JoJan_Dionaea muscipula @wikipedia.de) Die Venus-Fliegenfalle hat einen echten Klappmechanismus

(cc-by-sa, Denis Barthel_Pinguicula vulgaris @wikipedia.de) Das Gemeine Fettkraut (Pinguicula vulgaris) ist eine Klebfalle und kommt auch in Deutschland vor
Als „Fleischfressende Pflanzen“, auch Karnivoren oder Insektivoren, bezeichnet man eine Gruppe von Pflanzenarten, die aktiv oder passiv Insekten als Nahrungsquelle erbeuten. Die Frage vorab lautet aber: Warum brauchen einige Pflanzen einen komplizierten Fangmechanismus, um Tiere zu erbeuten, während doch die weitaus meisten Arten darauf gänzlich verzichten können. Denn Pflanzen führen normalerweise ein bodenständiges und sesshaftes (sessiles) Leben, und können nicht hinter ihrer Beute herlaufen. Vielmehr genügt ihnen in der Mehrzahl der Fälle ein bisschen Wasser mit darin gelösten, aus dem Boden gewaschenen Mineralien zum Körperaufbau und zur Lebenserhaltung. Was also läuft bei den Tiere verspeisenden Arten so gründlich anders?
Die Lösung ahnt man, wenn man sich die Standorte der besagten Pflanzen einmal genauer betrachtet: Meist handelt es sich um Lebensräume, die sehr nass, morastig, oder sandig-sumpfig oder felsig-sumpfig sind. Oder es handelt sich um Standorte hoch oben in Baumwipfeln. Normalerweise würden auf solchen Extremstandorten keine „Höheren“ Pflanzen (also Blüten entwickelnde Pflanzen) wachsen können, weil meist etwas Entscheidendes fehlt: Der Kontakt zu einem nährenden, mineralischen Unterboden. Nur wenige Pflanzenarten, wie das anspruchslose Torfmoos (keine Höhere Pflanze), das wie ein Schwamm sehr viel Wasser speichert, lebt ausschließlich von den im Regenwasser mitgeführten spärlichen Mineralien. Das Torfmoos produziert dabei sehr viel Huminsäure, so dass allmählich auch das angesammelte Wasser sauer und braun wird. Es herrschen hier bald moorige Verhältnisse vor, mit pH-Werten (Maßeinheit für sauer oder alkalisch) unter 7 (ph 7 ist der neutrale Wert, z. B. für destilliertes Wasser, unter 7 ist sauer, über 7 alkalisch). In solch einem sauren Milieu zersetzen sich weder pflanzliche noch tierische Überreste. Größere Tierleichen werden im Säurebad sogar besonders gut konserviert und erhalten sich jahrhunderte lang, ohne zu verwesen (Moorleichen). Und auch Pflanzenabfälle - und insbesondere das Torfmoos, das sich als meterdicke Torfschicht absetzt. Das bedeutet für hier siedelnde Pflanzen: anders als in Fließgewässern gibt es im Moorwasser keine verfügbaren Mineralien. Außerdem ist der Wurzelkontakt zum Mineralien führenden Unterboden meist bereits abgeschnitten, denn ein Moor kann über die Jahrtausende eine Torfmächtigkeit von vielen Metern Höhe erlangen. Ein Torfkörper in einem typischen „Hochmoor“ wächst Jahr für Jahr ein winziges Stück in die Höhe und wölbt sich dabei gleichmäßig rund wie ein Hefekuchen nach oben.
Die unterschiedlichen Tricks der fleischfressenden Pflanzen (Carnivorus Plants)

(cc-by-sa, Noah Elhardt_Drosera anglica @wikipedia.de) Langblättriger Sonnentau, kommt selten in Deutschland vor

(cc-by-sa, Hajotthu @wikipedia.de), Mittlerer Sonnentau (Drosera intermedia), kommt ebenfalls selten in Deutschland vor

(cc-by-sa, BerndH @wikipedia.de) Rundblättriger Sonnentau, kommt sehr selten in Deutschland vor
Einige wenige Pflanzenarten haben es mit einem Trick geschafft, dieses allgemeine Mineraliendefizit, wie in einem Sumpfgebiet oder in der Baumkrone herrscht, auszugleichen und sich damit zugleich diesen freien, aber lebensfeindlichen Lebensraum erobert, in dem sie allerdings nahezu konkurrenzlos sind. Dazu mussten sie erst einmal in Jahrmillionen aus normalen Blättern besondere Fangorgane entwickeln. Die speziellen Tricks sind durchaus vielfältig und sollen hier einmal vorgestellt werden. Und vor allem, die Pflanzen sehen in all ihrer Eigenwilligkeit zudem noch sehr schön aus:
- Der Trick mit der Fliegenfalle: Die Venus-Fliegenfalle erzeugt mit speziellen Fangblättern eine Klappfalle, die wie Muschelschalen über einen Klappmechanismus rasch zuschnappen kann. Jedes Blatt kann nur ein einziges Mal zuschnappen und geht danach zusammen mit seiner Beute ein. Erst nach dem Zersetzungsprozess und der damit einher gehenden Mineralisierung steht der Pflanze das Nährstoffangebot des Insekts zur Verfügung, denn es lagert ja nun im unmittelbaren Einzugsbereich der Wurzeln. Die Venus-Fliegenfalle kommt allerdings nicht bei uns in Deutschland vor: Ihr wäre unser Klima zu kalt.
- Der Trick mit den Klebetröpfchen: Nicht nur Spinnen können das, nämlich eine klebrige Substanz (den Spinnfaden) zu produzieren, an der kleine Insekten sich verfangen und nicht mehr loskommen. Die Arten aus der Familie der Sonnentaugewächse können das auch. Einige Arten von ihnen kommen auch in Deutschland vor. Wie Tautropfen glänzt die klebrige Substanz an den kleinen Tentakeln der Blätter, in denen die Klebstoffdrüsen sitzen. Daher auch der Name „Sonnentau“, weil sie so schön wie Tautropfen in der Sonne glitzern. Wenn Insekten sich an dem vermeintlichen Tauwasser laben wollen, bemerken sie zu spät ihren tödlichen Irrtum. Eine perfekte Falle! Die Klebblätter haben sogar die Fähigkeit, ein größeres Insekt vollständig einzurollen. Außer den Sonnentaugewächsen arbeiten mit dem Klebetrick auch die Fettkrautgewächse (Pinguicula).
- Der Trick mit der Krebsreuse: Der „Wasserschlauch“ ist bei uns in heimischen Still-Gewässern anzutreffen. Wie kleine silbrig schimmernde Bläschen sitzen an seinen grünen Ästchen rundliche Kammern. Wenn nun zufällig ein Wasserfloh, oder ein anderes Tier den Deckel dieser Kammer berührt, schnappt dieser Deckel hoch und saugt das Tier in die leere Kammer hinein, weil in ihr ein Unterdruck herrscht. In der Kammer zersetzt sich das Krebschen dann und wird vom Wasserschlauch absorbiert. Dieser Trick ist für Naturdetektive in einem kleinen Wasserglas sogar zu Hause sehr gut zu beobachten!
- Der Trick mit der Kannenfalle: Es gibt eine Reihe von Kannenpflanzen, die aufwändige und sehr beeindruckende Fangapparate entwickelt haben. Kannenpflanzen sind meist Epiphyten, d. h, sie siedeln hoch oben in Astgabeln von Urwaldbäumen in tropischen Regenwäldern ohne Kontakt zum Waldboden. Außer Regenwasser gelangt fast nichts dorthin, was die Pflanze verwerten könnte. Die Kannenpflanzen haben daher die Verwertung von Tieren zur Nährstoffaufnahme am besten perfektioniert. Denn die Kanne ist mehrerlei für die Pflanze: Ein Regenwasser-Sammelbehälter, eine Trichterfalle für Insekten, die - einmal hineingefallen - nicht mehr herauskönnen. Und außerdem ist die Falle so etwas wie ein Magen: es werden von der Pflanze produzierte Verdauungssäfte in das Wasser abgegeben, die die Insekten besser auflösen helfen. Die mineralisierten, im Wasser gelösten Bestandteile der Insekten werden dann von der Kannenpflanze absorbiert (aufgenommen).
- Der Trick mit der Reusenfalle: Die Reuse der Sarracenen funktioniert so ähnlich, wie die Kanne. Das doppelwandige, blasige Blatt ist äußerst schlank und innen mit abwärts gerichteten Härchen versehen, die das Insekt immer tiefer in den Schlund hineindirigieren. Unten erwartet das Opfer dann ein Sud aus Verdauungsflüssigkeit.







